Massagesitze, Sportabteile, variable Sitzlayouts – beim Projekt Ideenzug waren der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Im Interview erzählt der Projektverantwortliche Lars Pinnecker, warum aber gerade die unspektakulären Ideen oftmals die größte Wirkung entfalten und was von dem Projekt bleibt.
Der Ideenzug: Ein Projekttitel, der erstmal erklärt werden will. Was genau verbirgt sich denn dahinter?
Der Name klingt nach einem Zug voller Ideen, und genau so hat es 2016 auch angefangen: Gemeinsam mit Fahrgästen haben wir Ideen für einen Doppelstockwagen der Südostbayernbahn entwickelt. Grenzen gab es keine, sogar Massagesitze und ein Sportabteil waren dabei. Alles musste lediglich einem Zweck dienen: das Fahrgasterlebnis verbessern. Bevor für den echten Betrieb umgebaut wurde, entstand zunächst ein 1:1-Mock-Up zum Ausprobieren und Präsentieren. Dieses Prinzip wurde im weiteren Verlauf auf andere Zugtypen übertragen. In einer Roll-Out-Phase haben wir dann auch verschiedene Kleinserien auf die Schiene gebracht und die Umgestaltung mehrerer S-Bahn-Flotten betreut.

Aus der Vielzahl an entwickelten Ideen und Konzepten, hast du einen persönlichen Favoriten?
Wir haben viele verrückte Dinge ausprobiert, aber mein Favorit ist eine einfache Anpassung: den Türtaster nicht mittig, sondern am äußeren Rand der Tür platzieren.
Das klingt sehr pragmatisch. Was macht die Anpassung denn so besonders?
Die Positionierung am Rand steuert die Reisenden unterbewusst. Sie bilden dadurch automatisch eine Schneise für die Aussteigenden. Bei Bussen und Straßenbahnen ist das üblich, im Nahverkehr auf der Schiene war es bis zuletzt nicht normkonform. Aus Perspektive eines Planers sind es oftmals nicht spektakuläre Features, die einen großen Einfluss haben, sondern vielmehr Kleinigkeiten.
Einige der im Projekt entwickelten Ideen haben den Sprung in den echten Betrieb geschafft – von der Südostbayernbahn bis zur S-Bahn Hamburg. Welche Ideen haben sich im Rollout besonders bewährt?
Besonders positiv kam eine Theke an, an der man sich anlehnen oder arbeiten kann. Die haben wir inzwischen weiterentwickelt und mit einer Fahrradhalterung kombiniert. Neben der positiven Bewertung einzelner Features zeigt sich aber, dass ein insgesamt gut durchdachter Innenraum sich direkt positiv auf die Fahrgastzufriedenheit auswirkt.

Gab es im Rollout auch Ideen, die an der Praxis gescheitert sind oder bei denen die ursprünglichen Erwartungen nicht erfüllt werden konnten?
Durch die 1:1-Modelle, die tausende Menschen durchlaufen haben, ließ sich vorher gut erkennen, was den Realitätstest besteht und was nicht. Eine Idee, die es bisher leider nicht auf die Schiene geschafft hat: variable Sitzlayouts, die sich je nach Auslastung verstellen lassen. Die Idee ist nach wie vor bestechend: zur Hauptverkehrszeit mehr Stehplatz, in der Nebenzeit mehr Sitzplätze, und in Ausflugsregionen zusätzliche Fahrradstellplätze. In anderen Ländern gibt es erste Umsetzungen, und vielleicht findet das Konzept auch bei uns eines Tages seinen Einsatz.
Innovationsprojekte wie der Ideenzug haben irgendwann ihren letzten Halt. Was bleibt uns zukünftig vom Ideenzug erhalten, und welche Ideen könnten an anderer Stelle weiterentwickelt werden?
Das Projekt Ideenzug wird in seiner bisherigen Form durch die DB Regio nicht weitergeführt. Aber ich bin mir sicher, dass etwas vom Ideenzug übrigbleiben wird, denn der Ideenzug war immer mehr als ein klassisches Projekt: Es war vielmehr eine Bewegung, die einiges in der Branche losgetreten hat. Diese Plattform für viele Partnerunternehmen, und das Netzwerk hat Bestand, auch über das Ende des Projekts hinaus. Ich bin mir sicher, dass in vielen kommenden Fahrzeugprojekten etwas Ideenzug-DNA stecken wird, auch wenn wir dann nicht mehr unmittelbar beteiligt sein werden.
Was nimmst du persönlich aus deiner Zeit als Projektverantwortlicher mit? Und wie geht es in Zukunft für dich weiter?
Nach dieser intensiven Zeit sehe ich Züge aus einer ganz anderen Perspektive. Auch im Alltag fällt mir an Kleinigkeiten auf: Wenn wir als Gesellschaft dem Produkt S-Bahn- und Regionalverkehr einen Wert beimessen, erkennen die Fahrgäste das und ändern ihr Verhalten zum Positiven. Ich hatte die Möglichkeit, in den letzten Jahren sehr viel über die Gestaltung des Fahrgastbereiches und deren Einfluss auf das Wohlbefinden und Verhalten unserer Fahrgäste zu lernen. Jetzt möchte ich den Schritt in den Führerstand wagen und lernen, was es bedeutet, den Betrieb aktiv am Laufen zu halten. Ich nehme die Chance wahr, die Qualifizierung zum Triebfahrzeugführer zu durchlaufen.
Wir wünschen dir viel Erfolg. Und herzlichen Dank für das Gespräch!




