Der vergessene Eisenbahnpionier

Am Tag der Schiene feiern wir eine der prägendsten technischen Innovationen der Moderne: die Eisenbahn. Seit über 200 Jahren wird sie kontinuierlich weiterentwickelt. Ihre heutige Leistungsfähigkeit hat sie vor allem dem Einfallsreichtum zahlreicher Erfinder zu verdanken. Namen wie Stephenson, Edison oder Siemens sind in diesem Zusammenhang bis heute allgegenwärtig. Doch daneben gibt es auch Personen, die weniger bekannt sind, obwohl ihre Beiträge den Bahnbetrieb entscheidend vorangebracht haben. Einer von ihnen ist ein autodidaktischer Erfinder aus Ohio, der die Sicherheit im Zugverkehr erheblich verbesserte und das erste System zur Kommunikation zwischen fahrenden Zügen entwickelte: Granville T. Woods.

Aus dem Maschinenraum zum Patentamt

Granville T. Woods wurde 1856 in Columbus, Ohio, geboren – zu einer Zeit, in der schwarzen Amerikanern systematisch Bildung und Aufstieg verwehrt wurden. Eine Schule besuchte er nur bis zum Alter von zehn Jahren. Danach arbeitete er in Maschinenwerkstätten, auf einem Dampfschiff und schließlich bei der Eisenbahn. Dort beobachtete er genau, was nicht funktionierte und wo Verbesserungsbedarf bestand. Später absolvierte er für kurze Zeit ein College, doch den Großteil seines Wissens eignete er sich selbst an. Tagsüber tüftelte er an zahlreichen Erfindungen, abends studierte er Fachliteratur, die er sich häufig nur über Freunde beschaffen konnte, da Afroamerikanern der Zugang zu vielen Bibliotheken verwehrt blieb.

Das Ergebnis jahrelanger, unermüdlicher Arbeit waren nahezu 60 Patente – viele davon wegweisend für die Eisenbahntechnik. Dazu gehörten unter anderem der sogenannte „Dead Man’s Switch“: eine Sicherheitsvorrichtung, die den Zug automatisch abbremst, wenn der Lokführer handlungsunfähig wird. Außerdem entwickelte Woods das erste Notbremssystem im Fahrgastbereich und erreichte entscheidende Verbesserungen des Stromschienenprinzips. So wurde die Entwicklung großer städtischer U-Bahn-Netze erst möglich.

Die Idee, die Züge sicher machte

Seine wohl wichtigste Erfindung ließ Woods 1887 patentieren: das Synchronous Multiplex Railway Telegraph System. Zum ersten Mal in der Geschichte konnten dadurch Bahnstationen mit fahrenden Zügen kommunizieren – und umgekehrt. Gleichzeitig wurde ein Informationsaustausch zwischen den Zügen selbst möglich. Positionen und betriebsrelevante Meldungen konnten nun nahezu in Echtzeit übermittelt werden. Der Trick dahinter: Ein batteriebetriebener Magnet unterhalb des Zuges erzeugt ein elektromagnetisches Feld, das mit den parallel zu den Gleisen verlaufenden Telegrafenleitungen interagiert.

Zuvor war ein rollender Zug von der Außenwelt weitgehend abgeschnitten; niemand wusste, was sich auf den Gleisen vor oder hinter ihm befand – ein Umstand, der die Kollisionsgefahr erheblich erhöhte. Die Technologie ermöglichte aber nicht nur einen deutlich sichereren und besser organisierten Bahnbetrieb, sondern legte auch die Grundlage für höhere Geschwindigkeiten im Zugverkehr.

Wer das liest und an das moderne Zugbeeinflussungssystem ETCS denkt, liegt nicht falsch. Das europäische Zugsicherungssystem arbeitet nach demselben Leitprinzip, wenngleich die Technologie heute natürlich digital ist. Die entscheidende Frage aber: Wie bekommt der Zug in Echtzeit die Information, die er braucht, um sicher zu fahren? – hat Granville T. Woods bereits in den 1880er Jahren gestellt.

Zweimal gegen Edison – zweimal gewonnen

Auch Edison beschäftigte sich damals mit Bahnkommunikationssystemen und verklagte Woods deshalb gleich zweimal. Woods, der auch oft „Black Edison“ genannt wurde – ein Spitzname, den er selbst ablehnte –, gewann beide Prozesse. Die Niederlagen hielten Edison jedoch nicht davon ab, Woods‘ Talent anzuerkennen: Berichten zufolge bot er ihm sogar eine Anstellung in seinem Unternehmen an, die Woods jedoch ausschlug, um seine Unabhängigkeit als Erfinder zu bewahren. Trotz seiner juristischen Erfolge blieben Patentstreitigkeiten für ihn ein dauerhaftes Ärgernis. Die Kosten der Rechtsverfahren zehrten an seinen sowieso schon knappen Mitteln. Hinzu kamen die mangelnde Investitionsbereitschaft vieler (weißer) Kapitalgeber und vergleichsweise geringe Erlöse aus Patentverkäufen. Granville T. Woods starb am 30. Januar 1910 in New York – verarmt und weitgehend vergessen. Die Industrie aber hatte seine Ideen längst implementiert und weiterentwickelt.

Eisenbahngeschichte ist auch die Geschichte von Menschen, die gegen alle Widerstände ihre kreativen und revolutionären Ideen vorangebracht haben. Granville T. Woods ist ein Erfinder, dessen Werk größer wurde als sein Name. Seine Vision einer vernetzten Eisenbahn wirkt bis heute nach – in eine Zeit, in der Kommunikation zur Grundlage hochtechnisierter Mobilität geworden ist.

Übrigens: Wenn Sie sich für Eisenbahntechnologie interessieren, bietet der Tag der Schiene eine breite Palette an Möglichkeiten, Technik einmal live zu erleben. So öffnet beispielsweise Powerlines Germany in Langenhagen am 18. September seine Türen und macht den Oberleitungsbau erlebbar – unter anderem mit Aktionen wie Baggerfahren oder Mastenklettern.