Im Bahnhof schrillt die Klingel. Ein Schüler greift zum Mikrofon, kündigt den einfahrenden Zug an, erinnert an die Fahrscheinkontrolle und kurbelt anschließend eine Schranke herunter. Er spielt nicht Eisenbahn. Er hat Dienst bei einer Parkeisenbahn, und an diesem Nachmittag tragen er und seine Kolleginnen und Kollegen Verantwortung für etliche Fahrgäste und einen reibungslosen Betrieb. Seit den 1930er Jahren gibt es solche Bahnen in Deutschland, seit den 1950er Jahren auch in Kinderhand. Wer dort mitmacht, landet später oft bei der großen Eisenbahn, und damit sind die Parkeisenbahnen ein äußerst wirksames Nachwuchsprogramm für die Bahnbranche. Woher die Parkeisenbahnen kommen, warum dort Kinder echte Dienstposten besetzen und wieso das ein echter Gewinn für die Bahnbranche ist, lesen Sie hier.
Ausflugsbahnen und Ausbildungsstätten
Parkeisenbahnen sind ein gesamtdeutsches Phänomen. Im Westen werden die großen Parkeisenbahnen in der Regel primär als Ausflugsattraktion betrieben. Im Osten sind die Parkeisenbahnen oftmals nicht nur ein beliebtes Ausflugsziel, sondern professionelle Mitmachbahnen und ein Hobby für bahnbegeisterte Kinder und Jugendliche, in deren Händen hier der Fahrdienst liegt. Die ältesten Parkeisenbahnen Deutschlands befinden sich in Essen und Stuttgart: die Essener Grugabahn, die ihren Ursprung 1938 hat, sowie die Stuttgarter Killesbergbahn, die seit 1939 betrieben wird. Mit drei Dampf- und zwei Diesellokomotiven sowie rund 110.000 Fahrgästen pro Jahr zählt Zweitere damit zu den bedeutendsten Parkeisenbahnen Deutschlands.
Im Osten hingegen rollte im Juni 1950 erstmals eine improvisierte Kindereisenbahn durch den Großen Garten in Dresden, zunächst auf 1,3 Kilometern und eigentlich nur für eine Saison. Im Herbst sollten die Gleise wieder verschwinden. Dass es anders kam, verdankt die Bahn drei Dresdner Schulkindern. Sie fuhren nach Berlin, um Staatsoberhaupt Walter Ulbricht persönlich die Pläne für einen dauerhaften Betrieb vorzulegen. Er stimmte zu. Im Mai 1951 nahm die Bahn ihren Dienst als erste Pioniereisenbahn der DDR auf, nun mit fast dem gesamten Fahrdienst in Kinderhand. Zahlreiche weitere Städte folgten. Dahinter steckte mehr als das bloße Bereiten einer Kinderfreude: Wer früh an Bahntechnik und -systeme herangeführt wird, so die Idee, begeistert sich später für eine Tätigkeit bei der Eisenbahn. Vorbild war dabei die Sowjetunion, wo Mitmach-Eisenbahnen seit den 1930er Jahren Verbreitung fanden, von Moskau bis Jerewan.
Nach 1989 hätte das Modell mit der DDR untergehen können. Stattdessen sprachen sich die Bahnen untereinander ab, benannten sich gemeinsam in „Parkeisenbahnen“ um und hielten den Betrieb mithilfe eisenbahnbegeisterter Kinder am Laufen. Gut, dass es so gekommen ist, denn viele Parkeisenbahnen erfreuen sich heute großer Beliebtheit: Allein die Dresdner Parkeisenbahn beförderte 2025 rund 200.000 Fahrgäste auf ihrer 5,6 Kilometer langen Runde.

Ausbildung nach Vorschrift
Die Dresdner Parkeisenbahn ist zudem ein herausragendes Beispiel für ein durchdachtes Ausbildungskonzept, das die ostdeutschen Parkeisenbahnen bis heute prägt. In Dresden sind heute rund 200 Kinder und Jugendliche bei der Parkeisenbahn engagiert. Auf der Anlage besetzen sie verschiedenste Dienstposten, von der Fahrdienstleitung über Zugschaffner bis zum Schrankenwärter. Nur die Lok fährt ein Erwachsener. Gefahren wird nach der Bau- und Betriebsordnung für Pioniereisenbahnen, die den Bahnen ein eigenes, verbindliches Regelwerk gibt.
Wer mitmachen möchte, steigt ab der vierten Klasse ein und durchläuft anschließend eine mehrjährige Ausbildung. Ist im Herbst der letzte Zug gefahren, beginnt das Winterhalbjahr: Betriebsvorschriften, Theorie, das Durchspielen von Störungen. In Dresden proben die jungen Eisenbahnerinnen und Eisenbahner an einer 70 Quadratmeter großen Lehr-Modellbahnanlage im Rollenspiel, was im Sommer perfekt sitzen muss. Die Teilnahme ist übrigens für Kinder und Jugendliche kostenfrei.
Warum das heute wichtiger ist, denn je
Für die Bahnbranche sind junge Parkeisenbahnerinnen und Parkeisenbahner Gold wert. Der Branche fehlen Fachkräfte, und die Nachwuchssuche verschlingt häufig große Summen für aufwendige Recruiting-Kampagnen. Die Parkeisenbahnen bekommen das ganz nebenbei hin. Sie begeistern junge Menschen für Eisenbahntechnik und -systeme, und wen diese Begeisterung einmal gepackt hat, der wird sie so schnell nicht wieder los. Dass viele nach ihrer Zeit bei der Parkeisenbahn zur großen Bahn wechseln, überrascht deshalb wenig. Sie bringen dann ein enormes Vorwissen mit: Wer als Kind die Signale gestellt und den Bahnbetrieb spielerisch von Grund auf gelernt hat, für den ist die große Eisenbahn in der Berufsausbildung kein fremder Ort mehr.
Zum Tag der Schiene vorbeischauen
Am Tag der Schiene vom 18. bis 20. September 2026 nehmen etliche Park- und Museumseisenbahnen teil. Besuchen Sie doch am 20. September einmal die Frankfurter Feldbahn oder die zwei quasi benachbarten Parkeisenbahnen in Neuötting und Waldkraiburg.
Und damit sich in Zukunft niemand die Standorte der Parkeisenbahnen zusammensuchen muss, entsteht gerade auf unserer Website eine Übersichtskarte aller Parkeisenbahnen in Deutschland. Sie betreiben eine Parkeisenbahn und möchten auf die Übersichtskarte? Dann schreiben Sie uns gerne eine Mail mit der Anschrift der Parkeisenbahn, und wir nehmen Sie gerne in unsere Karte auf.

