Interview mit Frederik Braun vom Miniatur Wunderland

© Miniatur Wunderland Hamburg

Das Miniatur Wunderland ist die größte Modellbahnanlage der Welt und hat einiges mit der echten Bahn gemein. Im Interview spricht Frederik Braun, der das Miniatur Wunderland gemeinsam mit seinem Bruder Gerrit und Stephan Hertz gegründet hat,  über Verschleiß und Pannen im Maßstab 1:87, Nachwuchsförderung und seinen Wunsch für die Schiene der Zukunft.

Das Miniatur Wunderland ist die größte Modell(bahn)anlage der Welt und gleichzeitig unglaublich detailreich. Steckt dahinter auch eine persönliche Begeisterung für die Eisenbahn?

Die Begeisterung für die Eisenbahn ist bei uns tief verwurzelt. Wir haben schon als Kinder nichts lieber getan, als uns unsere eigenen Welten zu erträumen und zu bauen. Diese kindliche Leidenschaft ist bis heute unser Motor. Ohne sie gäbe es das Miniatur Wunderland schlichtweg nicht.

Fließt das denn in die Gestaltung Eurer Anlagen ein?

Aber klar! Legendäre Bahnstrecken und die dazugehörigen Züge bilden das emotionale Fundament jeder Planung. Wir picken uns die ganz großen Meilensteine der Bahngeschichte heraus und lassen deren Charakter direkt in die ersten Entwürfe einfließen.

Im Miniatur Wunderland steckt unglaublich viel Fachwissen über den Bahnbetrieb. Gab es beim Bau der Anlage einen Moment, in dem euch die reale Bahn mit einem Detail überrascht hat?

Ein Detail, welches uns wirklich sehr überrascht hat, war das Thema Verschleiß und Materialkunde. Bei uns im Wunderland sind die Züge – genau wie in der realen Welt – im absoluten Dauereinsatz. Das ist für das Material kein Spielzeug-Dasein mehr, sondern harter Schichtbetrieb an 365 Tagen im Jahr. Dabei mussten wir feststellen, dass wir die Physik nicht überlisten können. Wir waren wirklich verblüfft, dass die Probleme der großen Bahn eins zu eins auch im Maßstab 1:87 bestehen.

Woran merkt Ihr das beispielsweise?

Durch Temperaturschwankungen in den Hallen dehnen sich unsere Gleise aus und arbeiten im Untergrund. Und wenn unsere Loks Tag für Tag kilometerlang ihre Runden drehen, kämpfen wir mit ganz realem Metallstaub und echtem Radreifenverschleiß.

Im Miniatur Wunderland fährt die Bahn bekanntlich pünktlich und vermeintlich reibungslos. Was könnte die reale Bahn von eurer Modellwelt lernen?

Das Bild von der perfekt reibungslosen Modellbahn ist ein kleiner Mythos. Die Wahrheit ist, dass auch bei uns ständig Fehler auftreten. Es gibt Weichenstörungen, Loks bleiben im Tunnel hängen oder die Technik streikt mal kurz. Aber weil wir nicht an feste Ankunftszeiten gebunden sind, fällt es schlichtweg nicht auf. Wenn ein Zug ausfällt, kommt eben ein anderer um die Ecke. Wir präsentieren Bewegung und Atmosphäre, keine Pünktlichkeit auf die Sekunde. Diese totale Flexibilität im System ist unser Lebensretter.

Eure Anlage erzählt Geschichten aus verschiedenen Regionen und Epochen. Welche Kapitel der Bahngeschichte oder Bahnkultur liegen euch dabei besonders am Herzen?

Bei uns auf der Anlage herrscht eigentlich ein positives Durcheinander. Diese kunterbunte Vielfalt ist uns wichtig. Wir haben einfach einen Riesenspaß daran, alles zu zeigen, was auf Schienen rollt. Da flitzt dann eben auch mal ein Schienenzeppelin vorbei, der die Leute sofort zum Grinsen bringt. Gleichzeitig haben wir den totalen Ehrgeiz, immer aktuell zu bleiben. Wir haben richtig Bock darauf, das Neue abzubilden und zu zeigen, was heute auf den Gleisen passiert. Am Ende wollen wir einfach diese legendären Züge auf die Strecke schicken, die ein Gefühl auslösen. Wenn die Gäste vor der Anlage stehen, plötzlich einen Zug aus ihrer eigenen Kindheit entdecken oder über eine moderne Neuheit staunen und dieses breite Lächeln im Gesicht haben, dann haben wir alles richtig gemacht.

Modellbahn und die große Bahn verbinden Technik, Kreativität und Teamarbeit. Welche Chancen seht ihr darin, junge Menschen für Berufe rund um Bahn, Infrastruktur und Technik zu begeistern?

Bei uns im Wunderland gibt es kein langes Warten. Wer bei uns anfängt, darf und soll direkt vom ersten Tag an richtig mit anpacken. Es gibt doch nichts Motivierenderes, als wenn man seine eigenen Ideen einbringen kann, selbst tüftelt und am Ende kreativ etwas erschafft, das wirklich funktioniert. Wir erleben hier ständig den Moment, wo junge Leute merken, dass sie nicht nur zuschauen, sondern echt mitwirken können, und das entfacht eine unglaubliche Leidenschaft. Genau das ist die große Chance für alle Berufe rund um die Bahn. Wenn man den Nachwuchs zu echten Gestaltern macht, kommt die Begeisterung von ganz allein.

Der Tag der Schiene lädt Menschen ein, die Bahn neu zu entdecken. Welche Rolle können Orte wie das Miniatur Wunderland dabei spielen, Begeisterung für Bahnreisen und die Bahnwelt zu wecken?

Das Wunderland ist ja im Grunde ein riesiger Ort zum Träumen. Wenn die Leute bei uns in die kleinen Welten eintauchen, dann werden Kindheitserinnerungen wach oder ganz neue Sehnsüchte geweckt. Wir zeigen Bahn nicht nur als Transportmittel, sondern auch die Schönheit und das Abenteuer, das in jeder Reise steckt. Das Wunderland weckt diese ganz speziellen Emotionen vom Reisen und Träumen.

Und wenn du einen einzigen Wunsch für die Zukunft des Schienenverkehrs in Deutschland frei hättest: Welcher wäre das?

Wenn ich für die echte Bahn einen Wunsch frei hätte, wäre es eine neue Leichtigkeit für das Reisen. Ich wünsche mir, dass wir die Schiene wieder als einen Ort voller Vorfreude und schöner Momente wahrnehmen.

Vielen Dank für das Interview!