Kulturbahnhöfe: Wenn der Bahnsteig zur Bühne wird

Stellen Sie sich vor, Sie stehen in einer alten Bahnhofshalle, aber statt der Durchsage „Heute fünf Minuten später, vom Gleis direkt gegenüber“ hören Sie klirrende Weingläser und fröhliche Menschen in Gesellschaft. Wo früher Reisende mit viel Gepäck auf den Anschluss warteten, hängen heute ausgefallene Werke junger Kunstschaffender, und im alten Lokschuppen probt eine Indie-Band. Sie befinden sich im Kulturbahnhof. Mindestens 75 gibt es davon verteilt in ganz Deutschland.

Die Geschichte der Kulturbahnhöfe ist eine Geschichte der Umnutzung und auch eine Geschichte des zweiten Aufschlags. Über die Jahrzehnte hat die Deutsche Bahn immer wieder Bahnhofsgebäude geschlossen und wegen finanzieller Fehlanreize durch den Bund abgestoßen. Der Fahrkartenschalter wich dem Automaten. Moderne Funktionsbauten lösten die alten Bahnhofsgebäude ab. Frei wurde dadurch mal das ganze Empfangsgebäude, mal nur einzelne Nebengebäude. Wer aber einmal an einem verwaisten Dorfbahnhof mit vernagelten Fenstern und wucherndem Efeu gestanden hat, weiß: Ohne Hilfe und neue Nutzung kippt so ein Gebäude schnell.

Noch mehr alte Bahngebäude wären dem Verfall preisgegeben – wären da nicht Gemeinden, Bürgerinitiativen, Vereine und einzelne Enthusiasten eingesprungen. Mit Fördergeldern, Eigenleistung und ziemlich viel Durchhaltevermögen haben sie die verwaisten Gebäude übernommen und zu kulturellen Begegnungsorten umgebaut. Heute sorgen dort Konzerte, Lesungen, Kunstausstellungen, Museen, Kneipen, Restaurants und Jugendgruppen für neues Leben. Wo die Bahn auszog, zog die Kultur ein. Was geblieben ist, ist der Charme der Schiene, sowie ein guter Anschluss an den öffentlichen Verkehr, da die neue kulturelle Nutzung oftmals in den laufenden Betrieb integriert ist.

Ein besonderes Beispiel dieser Mischung aus Betrieb und Kultur ist der Kulturbahnhof Kassel. Er trägt zwar offiziell immer noch den Titel Hauptbahnhof – die Fernzüge halten aber längst im benachbarten Kassel-Wilhelmshöhe. Regional- und Nahverkehr rollen jedoch hier bis heute, während nebenan viel Raum für Kunst und Kreativität entstanden ist. Auf dem Vorplatz steht Jonathan Borofskys 25 Meter hoher „Himmelsstürmer“, drinnen sorgt die „Caricatura“-Galerie mit scharfsinnigen Cartoons für breites Schmunzeln, ein Art-House-Kino zeigt ein exzellent kuratiertes Programm, und auf einem stillgelegten Bahnsteig finden Konzerte statt. Alle fünf Jahre ist der Bahnhof zudem ein Element der Documenta, der wohl weltweit bedeutendsten Ausstellung für zeitgenössische Kunst. Und am Tag der Schiene wurde natürlich auch in den vergangenen Jahren zum Mobilitätsfest geladen.

Was die Kulturbahnhof-Landschaft auch ausmacht, sind die zahlreichen kleinen ehemaligen Bahnhofsgebäude, die kulturelle Räume in ländlichen Regionen schaffen. Einige davon haben in der Vergangenheit auch zum Tag der Schiene ihre Türen geöffnet. So auch der Auswanderer-Bahnhof in Ebstorf/Uelzen, mitten in der Lüneburger Heide, auf der Amerikalinie. Vom Bahnhof aus fuhren im 19. und frühen 20. Jahrhundert unzählige Auswanderer Richtung Bremen und Bremerhaven, wo sie an Bord der Schiffe nach Amerika gingen. Das 1873 eröffnete Bahnhofsgebäude ist einer der wenigen historisch erhaltenen Auswanderer-Bahnhöfe Deutschlands. Heute ist es ein mit viel Herzblut und Leidenschaft betriebenes privates Museum, das an die Geschichte der Ausgewanderten erinnert und ein Kulturbahnhof mit regelmäßigen themenspezifischen Events. Am 20.09.2026 nimmt der Bahnhof natürlich auch am Tag der Schiene teil – mit Führungen im und rund um den Bahnhof. Für Verpflegung und passende musikalische Begleitung in Form von Country Rail-Road Musik wird gesorgt sein.

Auch rund 400 Kilometer weiter östlich, im brandenburgischen Ortrand, rettete ein Privatmann mit viel Geduld ein Bahnhofsensemble, inklusive stillgelegtem mechanischen Stellwerk. Heute werden die originellen Räumlichkeiten des Kulturbahnhofs Ortrand für Feste, Konzerte und Eisenbahnertreffen genutzt. Das Stellwerk wurde zu einem kleinen Museum umgebaut. Wer mag, übernachtet in einem zum Hotelzimmer umgewandelten Waggon direkt am Gleis.

Der Kulturlokschuppen Neumünster hingegen ist kein klassischer Kulturbahnhof, sondern ein altes Bahnbetriebswerk. Doch auch hier wurde eine stillgelegte Bahninfrastruktur gerettet und nunmehr dem (Bahn-)Kulturgenuss gewidmet. Eine große Auswahl historischer Dampf-, Diesel- und Elektroloks stehen Seite an Seite, die Drehscheibe des Ringlokschuppens funktioniert noch, und auch für Kunstevents und private Feiern ist das Gelände nutzbar. Beim Tag der Schiene gehört der Schuppen zum Stammpersonal, auch dieses Jahr wieder mit einem Event am 19. September 2026.

Was diese Orte verbindet, ist weniger ein gleiches Konzept als eine Haltung: der Wille, Bahngebäude weiterleben zu lassen, das Erbe der Eisenbahn fortzuführen und gleichzeitig Räume für die Kultur und damit für Neues zu schaffen. Wer am Tag der Schiene vom 18. bis 20. September 2026 selbst vorbeischauen möchte, findet in Deutschlands zahlreichen Kulturbahnhöfen garantiert eine passende Veranstaltung – einfach ab Juni unseren Veranstaltungskalender im Blick behalten. Einen Überblick über die Kulturbahnhöfe in Deutschland finden Sie auch auf unserer Karte. Fehlt dort ein Bahnhof? Dann schreiben Sie uns gerne.